Paradox des Naturismus

Ich sitze in der Natur, im Park, und bin be-kleidet. Ist doch normal. Oder doch nicht? Zuhause bin ich nackt, weil ich naturistisch lebe. Ich schlafe nackt, meine Kinder schlafen wie sie wollen, meine Frau…. ist kein Mitglied in einem FKK Verein. Zum Urlaub fahren wir wieder nach Frankreich, Domaine de la Sabliere, und wenn wir Zeit für einen Kurzlaub haben zum Rätzsee. Meine Frau schläft lieber in einem Bungalow, als im Zelt, so wie ich, obwohl sie die Natur liebt. Meine Kinder lieben die Erfahrung, wollen spielen.

Paradoxe oder normale Familie¿

Paradoxien gibt es überall. Da wird jemand Präsident, obwohl er keine Mehrheit hat und sich un-ethisch verhält. Ein kleiner Teil der Menschheit besitzt den größten Teil der Güter und bestimmt die Weltgeschicke. Dieser kleine Teil zerstört die eigene Umwelt, obwohl sie es besser weiß. Und das alles demokratisch, weil es trotz Gleichheit Ungleichheit gibt. Paradoxien können schlimme Folgen haben.

In der Wissenschaft sind es die Paradoxien, die den Antrieb zur Forschung geben. In der Philosophie sind sie Trieb zum (Nach) Denken. Wir gebären Kinder, obwohl wir Furcht vor der Zukunft haben. Überhaupt, wir werden geboren, um zu sterben. Und schaffen Dinge und Werte, die wir nach unserem Ableben nicht mehr besitzen und nicht mehr relevant sind. Wir versuchen statische Zustände zu erreichen, obwohl wir wissen, das alles ein Fluss, alles ein Kreislauf ist. Das perfekte Paradox ist der sich widersprechende Widerspruch.

Auch so verhält es sich mit Paradoxien: je genauer man hinsieht, desto mehr erkennt man, das sie eigentlich kein Widerspruch sind. Sondern erklärbare Logik, ein Phänomen unserer beschränkten Wahrnehmung.

Das nächste Paradox: Wahr-nehmung ist abhängig von so vielen Dingen und Faktoren, dass wir sie als subjektiv beschreiben können. Daraus folgt dass Wahr-heit eben subjektiv ist, dass es eine unendliche Vielfalt von Wahrheiten gibt… Was könnte dann überhaupt eine finale Wahrheit sein?

Das verunsichert und macht Manchen sogar Angst, Andere verleugnen oder verdrängen.

Und doch suchen wir sie, die einzige Wahrheit und bestehen auf ihr. Wie Paradox! Das Wesen der Wahrheit ist das Paradox¿

Oder eben nicht. Denn von all dem geht auch ein Zauber aus. Es ist ein Mysterium, das uns auf die Suche schickt. So wie die Wissenschaftler, die forschen müssen, wie Kinder, die die Welt erkunden, um sie zu verstehen und sich selbst. Das alles geht nur mit einer Freiheit, die ethisch vertretbar andere nicht in ihren Freiheiten einschränkt. Und wieder das Paradox: mein Bedürfnis nach Freiheit kann andere einschränken. Eltern und Pädagogen begleiten das Kind in seinem Lernen und Erfahren des Wertes Freiheit, seiner Entwicklung von Selbstwirksamkeit, Autoregulation, Selbstbestimmung. Und zum wiederholten Mal: das Paradox, das keines ist, dass wir als Erwachsene immer ein inneres Kind und unsere Eltern in uns tragen führt dazu dass Pädagogik auch für Erwachsene jeden Alters wichtig und wirksam ist. Unser ganzes Leben ist Entwicklung hin zu etwas, was wir nicht ergründen können und uns nach Sinn suchen lässt, nach einem Paradies.

Und jetzt das Paradox des Naturismus. Da bin ich wütend auf die, denen ich mich mit meinem Bedürfnis Nackt-sein-heit so nahe fühle. Weil sie dem Kind, meinen Kindern, die Freiheit nehmen Nackt-Sein als Selbstwirksamkeit-Erfahrung wahrzunehmen. Die Erfahrung des Nackt-Seins hat für Kinder eine andere Funktion, als für Erwachsene. Das Paradox, dass Druck Gegendruck in menschlichen Beziehungen erzeugt ist bekannt. Trotzdem wird es immer wieder vergessen, manchmal auch von mir selbst. Auch dass wir in all unserer Autonomie abhängig sind von Anderen, ein Paradox. Und weil wir dazu neigen ungenau zu sein und es leichter fällt die uns bekannten Wege zu gehen wird aus einem Leitbild doch vorschnell paradoxerweise eine Regel, ein Gesetz, Dogma und Prinzip gemacht. Was allerdings wiederum kein Paradox ist, sondern nur ein kleiner Denkfehler, weil man etwas übersehen hat.

Nein, Leitbilder sind Visionen, Aussichten, wo wir hin wollen. Und ein Leitbild verpflichtet, darauf hin zu arbeiten. Ein Leitbild grenzt andere nicht aus, sondern gibt Orientierung, um Teilhabe an einer Idee zu ermöglichen, die Chance einen Weg zu finden. Die Funktion eines Leitbildes liegt darin, einen Rahmen zu fassen in dem sich Regeln freiheitlich organisieren lassen. So schnell wird Freiheit durch Nacktheit ersetzt und die Freiheit der Andersdenkenden fallen gelassen. Es gehört auch zur Selbstachtung, darüber zu reflektieren und es dann anzumerken.

Gemeinschaftliche Nackt-heit, oder Nackt-Sein, ist paradox, wenn es zu kalt dafür ist. Trotzdem bleibt man dann be-kleidet immer noch Naturist. Und wenn man Gemeinschaft lebt, dann feiert man diese auch. Z.B. Geburtstage. Ein Merkmal einer Kultur ist das Ritual. Letztlich heißt Naturismus-FKK zu leben, auch ein Jubiläum in einer naturistischen Gemeinschaft nackt zu feiern. Und wenn dem nicht so ist, sind wir offenbar noch nicht so weit. Aber wir können ja daran arbeiten. Denn so paradox es klingt, zur Freiheit gehört es Fehler zu machen, unvollkommen zu sein. Nicht alles was demokratisch ist ist auch richtig.

Zurück zum Naturismus. „Nackt sind wir alle gleich“. Ja, sind wir. Zumindest was den Status und das Symbol davon betrifft, dem Textil, die Bekleidung, der Zobel oder der Sack. Aber was ist mit der offensichtlichen Ungleichheit im Nackt-Sein? Wem gehört das Grün und die Wahrheit? Tatsächlich gibt es eine wunderschöne Vielfalt, so wie eben die Natur ist. Die Natur ist von sich aus nackt und verschieden zugleich. Nackt-Sein verschiebt einen Teil unserer (sexualisierten) Wahrnehmung und gibt uns die Freiheit einer anderen Gemeinschaft anzugehören. Einer Gemeinschaft, die in einer Gleichheit der natürlichen Bekleidungslosigkeit leben will, aus dem Bewusstsein der künstlichen Ungleichheit und dem Versuch der Befreiung. Wenn wir uns dabei jedoch nicht mehr um natürliche Unterschiede bewusstwerden, positiv ausgedrückt auch um die Vielfalt, dann sorgen wir durch das Gleichmachen, durch ein Nacktheitsprinzip, für neue, versteckte soziale Ungleichheiten im Naturismus-FKK. Dass das allerdings so ist, ist kein Paradox. Nur die unbewusste Prüderie vor dem Nackt-Sein der Gedanken. Dem finalen Paradox im Unbewussten. Auch das ist natürlich. Und bleibt spannend.

Darüber mehr in der nächsten Ausgabe vom gymnosophischen atelier

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