Die Freiheit in der FKK

Am 1.Juni veranlasste der Vorstand meines FKK Vereins die Entfernung meines durchaus gelungenen sozialpädagogischen und künstlerischen Angebots für den VfK.

Grund genug weiter zu machen und mich mit dem Thema Naturismus-FKK in diesem Teil meines Blogs zu beschäftigen.

Wirklich interessant ist jedoch ein anderes Ereignis in Bezug auf die Freiheit in der FKK: am Wochenende war ich mit Familie im Strandbad Wannsee. Immer wieder „verirren“ sich Textile in den FKK Bereich und werden oft toleriert. Aber eben nicht immer. In diesem Fall fiel mir eine Gruppe von Männern im Wasser auf, die sich um eine Person scharten, die Badeshorts trug.

Persönlich habe ich eine große Toleranz gegenüber Textilen, aber auch ich fühle mich tendenziell eher unwohl , wenn diese in der Mehrzahl sind. Von daher habe ich mehr als Verständnis, wenn Naturisten von ihrem Recht Gebrauch machen, jemanden der unseren Lebensstil missachtet Grenzen aufzuzeigen.
In diesem Fall fingen die Männer jedoch an die Person zu umzingeln und zu schubsen.
Genug. Ich rannte ins Wasser, um diese Person vor Gewalt zu schützen. Der Mensch war mir wichtiger als die Nacktheit. Ich wollte eine friedliche Lösung. Mein Verhalten in solchen Situationen, nicht die erste wohlgemerkt, erzeugt bei mir keinen Stolz oder Behaglichkeit. Sie ist mir unangenehm, weil sie mich verunsichert, weil sie in mir Furcht erzeugt selbst Opfer zu werden. Mut oder Tapferkeit ist auch Risiko und der Selbstschutz ein hohes Gut insbesondere in meiner alltäglichen Arbeit mit Schwachen oder Ausgegrenzten. Meinen Werten so nachzugeben empfinde ich nicht als Stärke, sondern oft eher als Schwäche, da ich darüber nur wenig Kontrolle habe. Zu stark wirken meine unbewussten Kräfte.
In der Situation jedenfalls erkannte ich dann, dass es nicht allein um die Nacktheit ging. Vielmehr wurde die Person mittlerweile rassistisch beschimpft , denn sie sprach gebrochen Deutsch und entsprach vom Äußeren eher den mitteleuropäischen Vorstellungen eines Arabers oder Persers. Er solle dahin gehen, wo er herkommt, er solle unsere Kultur respektieren und unsere Frauen nicht belästigen bzw. vergewaltigen. Die Person fühlte sich beleidigt und zeigte verständlicherweise einigen Widerstand in Anbetracht des sogar mich schockierenden Hasses in den Augen eines der Männer. Welch starrer Blick. Mein Eingreifen und Parteinahme für die Unversehrtheit des Mannes führte dazu, das dieser seinen Widerstand aufgab und sich von einem Anderen zum Ausgang des FKK Bereichs begleiten ließ.
Am Strand gab es dann von einigen Beobachtern ähnlich vorurteilsbehaftete, rassistische Kommentare. Und tatsächlich schäme ich mich für meine nackten Mit-Menschen, die nicht erkennen welche Freiheit sie mit ihrem Nacktsein leben können, nicht mehr wissen welchen Kampf es für die Gründungsväter und Frauen der FKK und des Naturismus bedeutete dieses Recht zu erwirken.
Mein persönlicher Weg mit diesem Paradox umzugehen ist darüber zu schreiben, zu bilden, sozialpädagogisch und künstlerisch tätig zu sein. Über den Naturismus-FKK zu philosophieren. Allgemein und im speziellen.
Einer der Männer aus dem Wasser suchte dann doch noch das Gespräch mit mir und fragte was ich mache. Ich fragte zurück wie er das meine:

„Na ja beruflich. “
„Ich bin Sozialpädagoge. “
„Ach so, deshalb. Das wirkte vorhin so gekonnt.“
„Echt? Und was machst du?“
„Mit Computern. Die Kinder mit ihren Handys heutzutage…“
„Ja, jede Zeit hat ihre neuen Dinge, die verunsichern. Es verändert vieles, aber dass es schlimm ist glaub ich nicht. Es geht darum Werte zu erhalten und einen mittleren Weg zu gehen. “
„Ich weiß nicht, die kommunizieren nicht mehr und wissen nichts mehr.“
„Doch schon. Nur anders. Handys sind nur ein neues Werkzeug. Du machst was mit Computern, was den? Ich bin mit einem C64 aufgewachsen.“
„Was!? Das ist ja schon alt, Basic. Ich habe Computer in der DDR entwickelt und war da so in Russland auch mit. War so Völkerverständigung.“

Er erzählte dann von seinem Interesse an Gandhi und wie er vor der Wende die Demonstrationen deeskalierend begleitet und dann bei der Auflösung des Stasi Archiv geholfen hat. Ich fragte ihn über die FKK in der DDR.

„Das war halt so normal“
„Wirklich? Am Anfang gab es doch schon Schwierigkeiten mit der Obrigkeit. Diese Geschichte mit Anna Sehgers auf Hiddensee…“
„Och die. Die war auch nicht ohne. Ich habe während der Wende einige Schriftsteller kennengelernt. Die waren doch auch Teil des ganzen. Ich bin 53 geboren, Lichterfelde Süd, und in der Nähe der Grenze aufgewachsen. Wir hatten dann einen Grenzausweis, aber wurden einmal nach Potsdam mitgenommen, weil wir im Grenzgebiet gespielt hatten. Die haben nur gelacht, aber uns auch gewarnt, das so was nicht mehr vorkommt.“
„Lichterfelde Süd! Da ist mein FKK Verein, Ostpreußendamm. Kennst du den?“
„Nee, ich bin in keinem Verein. Ich komm ins Strandbad weil ich es aus meiner Kindheit kenne.“

Ich erzählte dann etwas vom Verein, vom gymnosophischen atelier und meine schriftstellerischen Ambitionen über den Naturismus zu schreiben.
Er gab zu wenig über dessen Geschichte und wie dieser woanders gelebt wird, zu wissen.

„In der DDR war das normal. Da hat niemand darüber nach gedacht.“

Das Gespräch endete bevor ich Werbung für meinen Blog machen konnte. Mein Sohn war kurz vorher in eine Biene getreten und brauchte Zuwendung. Und so verschwand mein interessanter Gesprächspartner in der Masse nackter Körper im FKK Bereich des Strandbad Wannsee. Und tatsächlich: in der Nacktheit liegt soviel Gleichheit, dass man die Unterschiede nicht mehr sieht.
Verkürzt beschrieben hat sich die Begegnung tatsächlich so zugetragen.

Wo liegt die Pointe in dieser Anekdote? Gibt es überhaupt eine?

Interessant war die Tatsache, dass diese sich mir öffnende Person nur unweit des Vereinsgeländes groß geworden ist, allerdings auf der anderen Seite einer Mauer, die nicht nur ein Land, Stadt und Menschen getrennt hat, sondern auch Erfahrungen und Erkenntnisse über die Freiheit, Demokratie, Widerstand, gesellschaftliche und technische Entwicklung und letztlich auch die FKK bzw. den Naturismus.
Hier ist auch weniger die Pointe interessant, als vielmehr die Fragen, die in mir während des Gesprächs und im Nachklang dadurch entstanden.

Was unterscheidet FKK in der DDR und der BRD?
(Warum neigen wir Deutschen zu Abkürzungen?)
Was unterscheidet FKK vom Naturismus?
Was verursacht den offensichtlichen Schutzreflex in der deutschen FKK und woanders?
Gibt es verschiedene Auffassungen und Bedeutungen von Naturismus-FKK im allgemeinen und im persönlichen? Wo liegt der Unterschied zwischen FKK Vereinen, FKK Camping und freien Naturisten?

Vieles davon könnte ich einfach direkt historisch betrachtet beantworten, jedoch sehe ich den wirklich interessanten Aspekt mehr in der Frage welche Funktion das Nacktsein in unserem Unbewussten erfüllt. Dabei denke ich weniger an Sigmund Freud mit seiner sexuellen Triebtheorie, als vielmehr an Alfred Adler und seinem Selbstwert-Aspekt, an Abraham Maslow mit seiner Bedürfnispyramide, an die Entwicklungspsychologie im allgemeinen und an Friedrich Nietzsche mit seinem Willen zur Macht, was eigentlich nur Selbsterkenntnis, den Wille zur Macht über sich selbst zur Erreichung einer größtmöglichen Freiheit meint. Und tatsächlich vermute ich den größten Schatz der Erkenntnis in der Klärung der Freiheit und ihrer Rolle in unserem individuellen und kollektiven Unbewussten.

Was ist Freiheit im Kontext von Naturismus-FKK und wie können wir/ich ethisch korrekt naturistisch Handeln und leben ohne einfach nur den Tag als Wellness und bedürfnisbefriedigend nackt am Pool zu verbringen?
Fragen über Fragen und das beschleichende Gefühl, dass die FKK ihr Ideal von Freiheit und ihre Kultur verliert, weil das Nacktsein ins Private verbannt wird und öffentlich nur in kommerzialisierter oder sexualisierter Form akzeptiert ist. Brauchen wir vielleicht eine naturistische Pädagogik zum Erhalt des naturistische Lebensstils und seiner Werte?
Meine Vernunft sagt mir, dass dem so ist. Und meine soziale Verantwortung sagt mir, hier sozialpädagogisch handeln zu müssen. Das ist eine Aufgabe des gymnosophischen ateliers und es steht allen offen, die dem Naturismus-FKK einen quasi universellen Wert beimessen. Wer hier wider seiner naturistischen Werte schweigt oder den freien Gedanken und die Äußerung verhindert beteiligt sich an einem neuen Feigenblatt. In den Apfel der Erkenntnis zu beißen macht nicht automatisch klug, sondern schafft die Möglichkeit einer Befreiung. Strafen ist dabei eine menschliche Schwäche und der Wille dazu begründet sich in den Tiefen des Unbewussten.
In diesem Sinne… das gymnosophische atelier beginnt den Apfel zu schälen.

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